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Menschenhandel
Die Kapazität der Räumlichkeiten in der CoffeeSociety
geriet beim Drehscheiben-Vortrag über das Thema ‚Anti Human
Trafficking’ beinahe an ihre Grenzen. Wie Hühner aufgereiht saßen
die zahlreich erschienenen Mitglieder dicht gedrängt, um über dieses
doch etwas sensible Thema mehr zu erfahren. Einige Vertreter von
diversen Hilfsprojekten, Botschaften und dem Deutschen Hilfsverein
waren ebenso präsent.
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Brett Bachelor, der seit über 40 Jahren
Thailand-Liebhaber ist, seit 16 Jahren hier lebt und als Consultant
tätig ist, hat einen Großteil seiner Freizeit und Aktivitäten dem
Aufdecken von Menschenhandel gewidmet. Er ist in der Szene
mittlerweile wohlbekannt, was für seine Operationen nicht immer so
günstig ist. Anschaulich konnte er uns anhand von einigen
Fallbeispielen die Dramatik dieses traurigen ‚business’ erläutern.
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Menschenhandel gilt mittlerweile als drittgrößte
Einnahmequelle in der Welt und geschieht direkt vor unseren Augen.
Erstaunlich war sicher auch zu erfahren, dass es in diesem Land hier
eigentlich überhaupt keine Prostitution gäbe. Nun haben die meisten
von uns über Soi Cowboy, Nana Plaza und Patpong bestimmt eine andere
Meinung. Wahrscheinlich kommt es eben nur auf den jeweiligen
Blickwinkel an.
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Unter dem Begriff Menschenhandel (in Österreich
grenzüberschreitender Prostitutionshandel) wurde ursprünglich der
Handel mit Frauen (männliche Opfer sind zum Zwecke der sexuellen
Ausbeutung extrem selten), die der Prostitution zugeführt wurden,
verstanden. In den letzten Jahren wurde der Begriff mehr und mehr
ausgeweitet und umfasst heute alle Handlungen, durch die Menschen
jeglichen Geschlechts oder Alters in ein Ausbeutungsverhältnis
gezwungen werden, wobei ihr Selbstbestimmungsrecht verletzt wird.
Darunter fallen alle Formen der sexuellen Ausbeutung (z.B.
Zwangs-prostitution), aber auch die Ausbeutung der Arbeitskraft.
Insbesondere der Menschenhandel mit dem Ziel der
Prostitution wird häufig auch Frauenhandel genannt. Diese Ausbeutung
erfolgt meist unter massiver Gewaltanwendung und ist für die Opfer
extrem belastend. Viele sind ihr Leben lang von den Erlebnissen
traumatisiert oder gleiten in die Drogensucht ab. Gegen die Opfer
werden in diesem Kontext schwerste Straftaten gegen die sexuelle
Selbstbestimmung, gegen die persönliche Freiheit und gegen die
körperliche Unversehrtheit begangen.
Die oben zitierte Textpassage ist ein Auszug aus
Wikipedia und gibt genau das wider, was auch Brett beschrieben
hatte. Nach dieser mehr allgemeinen Einführung konnten wir
anschließend Paul MacGregor von Rahab Ministries Thailand zuhören,
der durch seine Persönlichkeit und seinen Witz uns trotz der
Ernsthaftigkeit des Themas immer wieder zum Lachen brachte. Anhand
einer Powerpoint-Präsentation erklärte er uns seine Aufgabe. Paul
arbeitet mit seiner Frau Margaret, die leider nicht dabei sein
konnte, für diese kirchliche Organisation seit fast vier Jahren hier
in Bangkok. Beide stammen aus Neuseeland wo er Pastor und sie
Friseurin war. Die Räumlichkeiten von Rahab sind in Patpong,
teilweise getarnt durch einen Friseursalon. In diesem Rotlichtbezirk
arbeiten jede Nacht ca. 4000 Frauen in mehr als 100 Bars.
Die neueste Errungenschaft ist das ‚Hair-Net’, ein
kleines Internet-Cafe im Friseursalon sowie ein eigenes
Klassenzimmer, um Englisch zu unterrichten. Geschulte Mitarbeiter
bieten dort auch Thai-Massage und Maniküre an. Ausstiegswilligen
Frauen und Männern soll so die Möglichkeit geboten werden in diesen
Räumen über Gespräche erste Kontakte zu knüpfen. All dies passiert
natürlich unter den wachsamen Augen der ‚Mama-san’ (Barbesitzer oder
Aufseher) die nichts dagegen haben, wenn ihre Mädchen Englisch
lernen - ‚good for business’ - oder sich im Salon verschönern
lassen. Ansonsten ist ein Fernbleiben vom Job nur gegen eine ‚Bar
fine’ gestattet. Diese dezenten Annäherungen durch Rahab sind oft
die einzigen Möglichkeiten auf dem langen Weg zum endgültigen
Ausstieg aus dem Barleben.
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Wie wir erfahren konnten, nutzen immerhin
20-40 Ladies jeden Abend den Service im Salon gleich beim Club
‚Super Pussy’, um sich für Ihre Arbeit stylen zu lassen. In den 19
Jahren von Rahab schafften es schon 700 Prostituierte, aus dem
Milieu auszusteigen.
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Annie von NightLight konnte uns von deren Mission
‘bringing women and children into the light’ informieren. Gemäß der
Aussage von Eleanor Roosevelt ‚I would rather light a candle than
curse the darkness’ erzählte sie von ihren Aktivitäten. Sie
konfrontierte uns mit einigen Zahlen, wie zum Beispiel: 27 Mio.
Menschen arbeiten als Sklaven weltweit, zwischen 300.000 und 2.8
Mio. Frauen sowie fast 500.000 Kinder sind hier im Lande in
Prostitution involviert. Es heißt, dass 60% der männlichen Besucher
aus dem Ausland kommend ausschließlich an der Sexindustrie
interessiert sind und 75% der Thai Männer, gem. einer Studie von
Harvard, schon mit Prostituierten zusammen waren. 10% der Kunden
seien Farangs und 90% Thais. Darüber hinaus sind gemäß einem CIA
Bericht 700.000 bis 2 Mio. Frauen und Kinder jedes Jahr weltweit
Opfer von Menschenhändlern. Die Ausführungen und Fallbeispiele haben
uns alle sehr betroffen gemacht. Nachdem wir diverse Fotos von
mehreren Frauen über einen gewissen Zeitraum hinweg aufgenommen -
Gesichter der Prostitution - betrachten konnten, wurde uns deren
Elend noch mehr vergegenwärtigt. Betretenes Schweigen machte sich im
Raum breit.
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Die Organisation NightLight ist teilweise auch eine
Stiftung und seit 2005 registriert. Sie bietet 80 Frauen zwischen 17
und 70 Jahren die Möglichkeit Schmuckstücke aus Silber und
Halbedelsteinen zu fertigen, die dann u.a. weltweit verkauft werden.
So haben die Frauen eine Aufgabe samt Betreuung, ein Netzwerk mit
Unterstützung sowie die Chance durch hier erworbene Fertigkeiten den
Einstieg in ein neues Berufsleben wagen zu können. Der Aufenthalt
bei NightLight kann von
5-6 Monaten bis zu mehreren Jahren betragen.
Annie betonte immer wieder die immensen körperlichen und seelischen
Schäden, die diese Frauen erst heilen müssen, um wieder voll am
Leben teilnehmen zu können. Von Emily, ebenso einer Mitarbeiterin
von NightLight, mitgebrachte Schmuckstücke und Handarbeiten zeigten
das Spektrum der Tätigkeiten. NightLight, Rahab und The Well sind
Organisationen, deren freiwillige Mitarbeiter etwa zweimal pro Woche
in Bars gehen und den Mädchen Drinks spendieren, Vertrauen aufbauen
und ihnen dadurch vielleicht etwas Hoffnung geben.
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Der Vormittag, der zu einem dreieinhalb Stunden
Marathon wurde, gab einen kleinen Einblick in ein riesiges
Themenfeld. Die Diskussion hätte unendlich weitergeführt werden
können. Auch war zu erkennen, dass sich das Bild ‚Opfer/Täter’ im
Alltag leicht verwischen kann. Der generelle Appell der
Hilfsorganisationen an unsere Gruppe war, eventuelle mysteriöse
Aktivitäten in unserem Umfeld oder auf Reisen umgehend den örtlichen
Botschaften oder offiziellen Organisationen zu melden. Auch wurden
wir daran erinnert, niemanden wegen deren Tätigkeit im
Rotlichtmilieu zu verurteilen. Darüber hinaus werden stets
Freiwillige zur Betreuung ehemaliger Prostituierter gesucht
(Patensystem), ebenso Computerversierte und Lehrer zum Unterrichten
der englischen Sprache. Spenden sind natürlich willkommen. Der
Erwerb der Schmuckstücke oder anderer Produkte, z.B. geschnitzte
Seifen und gebastelte Karten, sind eine weitere Möglichkeit der
Unterstützung.
Die Beiträge waren äußert interessant, unsere Köpfe
schwirrten und es gab sehr viel Information zum Verdauen. Die
Tatsache, dass wir alle mehr oder weniger im unmittelbaren Umfeld
dieses Geschäftsbereiches leben, macht das wertneutrale Betrachten
der Szene nicht unbedingt einfacher. Sichtlich hin- und hergerissen
verließen die meisten von uns das Treffen. Im Nachgang zu diesem
Vormittag möchten wir uns ganz besonders bei Brett bedanken, der
bereit war, das Thema zu präsentieren. Paul und Annie sowie deren
Mitarbeitern sagen wir ganz herzlichen Dank für Ihre Zeit und Mühe.
Nicht zuletzt gilt auch dieses Mal wieder unser spezieller Dank John
Hancock, der uns die Räumlichkeiten in der CoffeeSociety wie immer
kostenfrei zur Verfügung gestellt hat. Persönliche Gespräche,
Anfragen, Telefonate und E-Mails im Anschluss an diesen Vortrag
haben die Notwendigkeit zum besseren Verstehen dieses komplexen
Themas noch einmal bestätigt. Von Paul und Brett haben wir bereits
die Zusage für eine weitere Gesprächsrunde! Termin?
Anytime!
www.wikipedia.com/Menschenhandel
www.rahabministriesthailand.org
www.nightlightbangkok.com
28.10.2008 / RR |